Wenn im Frühling die Natur erwacht, zieht es uns Hundehalter verständlicherweise umso mehr nach draußen. Doch ab Mitte März beziehungsweise Anfang April beginnt in vielen deutschen Wäldern und Landschaften eine besondere Zeit: die Brut- und Setzzeit. Für uns bedeutet das in vielen Regionen eine strikte Leinenpflicht. Auch wenn es sich im ersten Moment wie eine Einschränkung anfühlt, ist diese Maßnahme eine lebenswichtige Schutzmaßnahme für unsere heimischen Wildtiere. Warum die Einhaltung so entscheidend ist und welche Strafen bei Missachtung drohen, erfährst Du hier.
Was bedeutet „Brut- und Setzzeit“?
Die Begriffe stammen aus der Jägersprache und beschreiben die sensibelste Phase im Jahr der Wildtiere:
- Die Brutzeit: Betrifft alle heimischen Vogelarten, die im Frühjahr ihre Nester bauen, Eier legen und ihre Küken großziehen. Besonders gefährdet sind sogenannte Bodenbrüter wie Feldlerche, Kiebitz, Rebhuhn oder Fasan, die ihre Nester gut getarnt direkt im hohen Gras oder auf Feldern errichten.
- Die Setzzeit: Als „Setzen“ bezeichnet man die Geburt von Säugetieren beim Haustier- und Schalenwild. In dieser Zeit erblicken unter anderem Rehkitze, Frischlinge (Wildschweine) und Feldhasen das Licht der Welt.
Föderales Regelungschaos: Wann und wo gilt die Leinenpflicht?
In Deutschland regeln die einzelnen Bundesländer die Leinenpflicht während der Brut- und Setzzeit über ihre jeweiligen Wald- und Landschaftsgesetze völlig unterschiedlich. Daher herrscht oft Verwirrung unter Hundehaltern:
- Niedersachsen: Hier gilt eine der strengsten und bekanntesten Regelungen. Vom 1. April bis zum 15. Juli müssen alle Hunde in der „freien Landschaft“ (Wälder, Felder, Wiesen, Moore und Gewässer) zwingend an der Leine geführt werden.
- Bremen & Sachsen-Anhalt: In Bremen beginnt die Leinenpflicht bereits am 15. März und geht ebenfalls bis zum 15. Juli. In Sachsen-Anhalt gilt die Anleinpflicht im Wald sogar schon ab dem 1. März.
- Andere Bundesländer: Länder wie Nordrhein-Westfalen, Bayern oder Baden-Württemberg haben keine flächendeckende, zeitlich begrenzte Leinenpflicht zur Brut- und Setzzeit. Allerdings verbieten auch dort die Landesforst- und Naturschutzgesetze das unkontrollierte Laufenlassen von Hunden abseits der Wege sowie das Stöbern und Jagen im Unterholz. Zudem können Städte und Gemeinden eigenständige Leinenpflichten verordnen. Erkundige Dich daher immer direkt bei Deinem zuständigen Ordnungsamt.
Achtung: Der folgenschwere Irrtum mit dem „guten Gehorsam“
Ein weit verbreiteter und sehr teurer Irrtum unter Hundehaltern ist der Glaube, dass gut erzogene und jederzeit abrufbare Hunde von der gesetzlichen Leinenpflicht während der Brut- und Setzzeit befreit sind. Das ist rechtlich absolut falsch.
In den Bundesländern mit gesetzlicher Anleinpflicht (wie Niedersachsen) gilt die Leinenpflicht ausnahmslos für jeden Hund – unabhängig von Trainingsstand, Alter oder Rasse. Ausgenommen sind ausschließlich Diensthunde der Polizei, Rettungs- und Hütehunde im aktiven Dienst sowie Jagdhunde im jagdlichen Einsatz. Wer seinen vermeintlich „perfekt hörenden“ Hund dennoch frei laufen lässt, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Die Bußgelder hierfür sind drastisch und können je nach Bundesland und Schwere des Verstoßes **bis zu 10.000 Euro** betragen.
Warum ist der Leinenzwang biologisch so wichtig?
Viele Hundehalter argumentieren, dass ihr Hund gar nicht jagt und Wildtieren nichts tut. Doch schon das bloße Herumlaufen abseits der Wege kann tödliche Folgen für den Wildnachwuchs haben:
1. Der fatale Fremdgeruch bei Rehkitzen
In den ersten Lebenswochen haben Rehkitze noch keinen eigenen Körpergeruch, um sich vor Raubtieren zu schützen. Bei Gefahr fliehen sie nicht, sondern ducken sich flach ins hohe Gras (sogenannter Drückinstinkt). Findet ein freilaufender Hund ein solches Kitz im Unterholz und schnüffelt daran oder leckt es ab, überträgt sich der Raubtiergeruch des Hundes auf das Jungtier. Die Folge ist grausam: Die Muttergeiß nimmt ihr Kitz aufgrund des fremden Geruchs nicht mehr an. Das Jungtier verhungert in der Folge unbemerkt und qualvoll.
2. Nestaufgabe bei Bodenbrütern
Stöbert ein Hund durch Gebüsche oder hohes Gras, schreckt er brütende Vögel von ihren Nestern auf. Flieht der Altvogel in Panik, kühlen die Eier blitzschnell aus oder die frisch geschlüpften Küken sterben an Unterkühlung. Wird ein Vogel wiederholt vom Nest aufgescheucht, gibt er das Gelege oft komplett auf.
3. Lebensgefahr für den Hund durch Wildschweine
Die Leinenpflicht schützt auch Deinen eigenen Hund. Im Frühjahr führen Wildschweinbachen ihre gestreiften Frischlinge. Begegnet eine Bache einem freilaufenden Hund, versteht sie keinen Spaß: Um ihre Jungen zu schützen, greift sie sofort und extrem aggressiv an. Solche Begegnungen enden für Hunde nicht selten mit schwersten, teils tödlichen Verletzungen.
Praktische Tipps für die Leinenzeit
Damit Dein Hund trotz Leinenpflicht ausgelastet bleibt und seine Schnüffelzeit genießen kann, helfen ein paar einfache Anpassungen im Alltag:
- Nutze die Schleppleine: Eine 5 bis 10 Meter lange Schleppleine aus robustem Biothane gibt Deinem Hund viel Bewegungsradius, während Du die rechtlichen Vorgaben erfüllst. Wichtig: Befestige eine Schleppleine ausnahmslos an einem gut sitzenden Brustgeschirr, um Verletzungen der Halswirbelsäule bei plötzlichem Stoppen zu verhindern.
- Besuche Hundefreilaufflächen: Viele Gemeinden bieten speziell eingezäunte Auslaufgebiete an, in denen Hunde das ganze Jahr über legal und sicher ohne Leine mit Artgenossen toben dürfen.
- Kopfarbeit statt Kilometer: Nutze die Spaziergänge an der Leine für intensives Mentaltraining. Suchspiele, das Apportieren eines Futterbeutels oder kleine Trick-Einheiten am Wegesrand lasten Deinen Hund geistig oft besser aus als stundenlanges, freies Rennen.
Fazit
Die Brut- und Setzzeit erfordert von uns Hundehaltern ein hohes Maß an Rücksichtnahme und Disziplin. Indem Du Deinen Hund in dieser sensiblen Phase konsequent anleinst, schützt Du das Leben unzähliger Wildtiere und bewahrst Dich selbst vor empfindlichen Bußgeldern. Mit einer Schleppleine und kreativer Beschäftigung wird diese Zeit für Deinen Hund dennoch zu einer spannenden und erfüllten Auszeit in der Natur.